11 Dez. Vorfreude
D a n k e für die Vorfreude!
Heute kamen Maja, Christa und ich zusammen, um uns für den Strasseneinsatz am Freitag, 20.12.2024 in Wettingen vorzubereiten. Wie jedes Jahr vor Weihnachten gehen wir gemeinsam auf die Strasse, um den Menschen die frohe Botschaft von Jesu Geburt kund zu tun. Mit im Gepäck ist auch immer ein kleines Präsent. Dieses Jahr werden wir verschiedene Dinge abgeben (s. Foto). Was wir bestimmt auch verschenken, ist eine von vielen berührenden Weihnachtsgeschichten:
Maria und Joseph oder Roberto spinnt
In einer kleinen Schulgemeinde durften die Kinder die Weihnachtsgeschichte aufführen. Der Wirt des «Löwen» stellte grosszügig seinen Saal zur Verfügung. Die rund dreissig Schüler der ersten bis zur vierten Klasse hatten alle denselben Lehrer und teilten dasselbe Schulzimmer. Das gibt es eben auch heute noch.
Der Lehrer, Gottlieb Eggimann, wäre eigentlich schon lange pensioniert worden, aber mangels eines Nachfolgers liess man ihn weiter im Amt. Ja, man liebte das Traditionelle in dieser kleinen Gemeinde. Und zur Tradition gehörte auch die Weihnachtsaufführung der Schüler. Die tragenden Szenen – seit Jahren dieselbe Geschichte: Maria und Joseph auf der Suche nach einer Unterkunft für eine Nacht. Bei der Rollenverteilung rissen sich die grösseren Jungen um die Hauptrolle, jeder wollte den Joseph spielen. Aber auch die Mädchen drängten sich vor, für die Rolle der Maria. Diplomatisch, so gut es eben ging, verteilte «Eggi», wie der Lehrer im ganzen Dorf genannt wurde, die Rollen. Er führte selbstverständlich auch Regie.
Nur bei einer Besetzung gab es Probleme: Niemand wollte den bösen Gastwirt spielen, der dem jungen Paar so schroff den Eintritt in sein Gasthaus verwehrte und es so unbarmherzig wegjagte. So musste schliesslich Roberto, Sohn eines italienischen Gastarbeiterehepaares, das im «Löwen» in der Küche arbeitete, die Rolle übernehmen. Erstens, weil er noch nicht so gut Deutsch sprach und zweitens, weil er mit seinem dunklen gekrausten Haar und den dunklen Augen am ehesten einem Bösewicht glich. Das war jedenfalls die Meinung der halben Klasse. Der kleine Roberto lernte seine Rolle schnell und gut. Lautstark schmetterte er an den Proben sein « Nein, von mir bekommt ihr kein Zimmer! Gesindel, verschwindet!» über die Bühne. Ach, wie hasste der Bub seine Rolle! Wie gern hätte er den beiden armen Geschöpfen Maria und Joseph doch ein Zimmer gegeben, sogar sein eigenes, wenn es sein müsste. Aber das hatte ihm der Lehrer eingebläut: Mit grimmiger Miene mussten die beiden weggejagt werden. Ja, so ein kleiner Schauspieler hatte es wirklich nicht leicht. Robertos Vater tröstete ihn und versprach, bei der Weihnachtsaufführung dabei zu sein. Und das bedeutete viel, denn er zeigte sich sonst kaum im Dorf.
Endlich war es soweit, der grosse Tag stand vor der Tür. Der «Löwen»-Saal war zum Bersten voll, viele mussten sogar stehen, einige zusätzliche Stühle holte man eiligst vom «Bären» gegenüber.
Mit leuchtenden Augen standen die Kinder in ihren selbst gemachten Kostümen da. Vor allem Maria strahlte. Mit ihren Zapfenlocken war sie wunderschön anzusehen. Die Mutter hatte sie am Nachmittag noch zum Coiffeur geschickt. Und wie sie spielten! Der Lehrer Eggimann wurde immer stolzer. Seit bald zwanzig Jahren hatte er keine so hinreissende Aufführung mehr miterlebt. «Eggi» – und einige Dorfbewohner mit ihm, bekamen feuchte Augen.
Dann folgte der Akt beim Gastwirt, bei Roberto. Als Maria mit ihren schönen Locken um ein Zimmer bat, hätte es einen Stein erweichen können, aber jeder wusste, was nun kommen musste – man hatte es bei den Proben Dutzende Male gehört. «Nein, von mir bekommt ihr kein Zimmer! Gesindel, verschwindet!» Roberto stand da mit grimmigem Blick. «Ach, Wirt, hab Erbarmen, ich friere! Lass mich in dein Haus!» Roberto schaute immer grimmiger drein und setzte an, um seinen hundertmal geübten Satz in den Saal zu schmettern. Oh, wie er es hasste, vor dem ganzen Dorf Maria und Joseph in die dunkle Nacht zurückzuschicken, ausgerechnet er. Und dann geschah etwas völlig Unerwartetes …
Von einer Sekunde auf die andere verschwand der dunkle Schatten aus Roberto’s Gesicht, ja, es begann förmlich zu leuchten. Mit fester Stimme sagte er: »Kommt nur herein, ich gebe euch mein bestes Zimmer!» und bevor der Lehrer vor Schreck beinahe vom Stuhl fiel, fuhr er fort:«Und zu essen bekommt ihr auch, soviel ihr wollt!» Er griff Maria sanft bei der Schulter und wollte sie durch die Kulissentür in sein Gasthaus führen. «Spinnst du!» flüsterte Maria deutlich hörbar, während Joseph ein noch deutlich unanständigeres Wort gebrauchte. Peinliche Sekunden vergingen, ehe der Lehrer endlich «Vorhang, Vorhang!» schrie. Der Vorhang fiel – die Weihnachtsaufführung war vorzeitig beendet.
«Roberto hat es tatsächlich fertiggebracht, meine Aufführung platzen zu lassen», wetterte der Lehrer später in der Gaststube.
Roberto sass inzwischen mit verweinten Augen zu Hause am Küchentisch und versuchte , seinen Eltern das Malheur zu erklären. «Papa, ich konnte doch Maria und Joseph nicht wegschicken, sie haben so gebettelt und waren so verzweifelt, und schliesslich ist Weihnachten!» – «Roberto, du magst ein schlechter Schauspieler sein, aber du bist ein wunderbarer Sohn!», sagte der Vater leise und strich ihm sanft über das dunkle gekrauste Haar.
(Aus: «Die himmelblaue Weihnachtsstrasse» von Bruno Schlatter)
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